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Im folgenden soll erklärt werden, warum eine Talkshow einen solch großen Erfolg hat, denn sobald man versucht eine Talkshow mit konventionellen Kriterien zu beurteilen, läßt sich keine schlüssige Erklärung für die relativ hohen Zuschauerzahlen finden. Die Sendung ist weder wirklich informativ, noch spannend und auch nicht von allgemeinen Nutzen für das Privatleben. Doch die Quoten belegen, daß die Talkshows für viele Menschen schon zum Fernsehleben dazugehören.
3.1 Zeitvertreib
Die heutigen gesellschaftlichen Strukturen, wie zum Beispiel hohe Scheidungsraten, viele Single Haushalte und die große Arbeitslosigkeit wirken sich auch auf den Gebrauch des Fernsehers aus. Früher war dieses Medium reine Informationsquelle, heute dient es vielen nur als Zeitvertreib, damit man Langeweile und Probleme verdrängen kann. Auf diesen Wandel haben die Produzenten mit leicht verdaulicher Fernsehkost geantwortet: Es soll unterhalten werden, das heißt der Zuschauer soll sich möglichst wenig Gedanken über das gesendete machen und sich den Inhalt der Sendung erst gar nicht merken. Diese Sendungen sollen eine Ablenkung sein, um die ganzen Alltagsprobleme vergessen zu können.
3.2 Sachlichkeit als Deckmantel
Auf die Nachmittags-Talkshow trifft dieser Punkt nicht unmittelbar zu, da die Themen des "Daily Talks" selten mit Sachlichkeit und Objektivität verbunden werden können und keine redaktionelle Recherche notwendig ist, dennoch kann man vereinzelt erkennen wie dank der "kompetenten Recherche der Talkshow Redaktion", aus völlig belanglosen oder selbstverständlichen Themen ein Skandal wird, Beispiel hierfür wäre folgender Fall: Ein Arbeiter eines Tierlabors wandte sich an eine Talkshow, er sagte, daß er Ratten für Kosmetika qualvoll töten müsse. Die Redaktion machte daraus eine Sondersendung, in der einige Laborarbeiter über ihre Tätigkeiten sprachen. Der Talkmaster wies mehrmals darauf hin, daß dieser "Skandal" nur mit Hilfe der Zuschauer aufgedeckt worden sei.
Anhand dieses Beispieles, läßt sich deutlich aufzeigen wie die Produzenten ihre Zuschauer halten, bzw. gewinnen können: Der Tierversuch ist bei der Mehrzahl der Bevölkerung nicht akzeptiert, oder mit anderen Worten: Er ist "schlecht" und "böse" und muß somit bekämpft werden. Die Rolle des "friedliebenden Helden" übernimmt die Talkshow, respektive deren Redakteure, die mit Hilfe der Zuschauer das "Böse" besiegen. Der Zuschauer wird stets als ein Kollektiv angesprochen, was zur Folge hat, daß sich der einzelne Zuschauer einer Gruppe zugehörig, sich also nicht mehr alleine fühlt. Die Talkshow kann im Extremfall sogar Familienersatz werden, weil der Rezipient die Sendung im Unterbewußten mit einem Freund assoziiert, der sich um ihn kümmert und nie alleine läßt. Im Normalfall ist dies aber nicht so, viele der oben beschriebenen Vorgänge finden für den Zuschauer latent im Unterbewußtsein statt. Dadurch erfährt er zwar ein Gefühl des "dazu gehören" und der Geborgenheit, doch er bemerkt nicht, daß seine Talkshowfreunde virtuell und irreal sind. Die Folge davon kann sein, daß sich der Zuschauer aus dem normalen Leben zurückzieht und keine echten sozialen Kontakte mehr pflegt. Ähnliches kann man auch bei Vielsehern von den "Daily Soaps" feststellen, die nur noch in der fiktiven Welt der heilen Fernsehfamilie leben. Dieser fehlende Kontakt wirkt sich aber erst dann aus, wenn der Zuschauer versucht mit seiner "irrealen Familie" zu kommunizieren. Dies wird ihm im allgemeinen nicht gelingen und da er im schlimmsten Falle kein anderes Soziales Netz aufgebaut hat ist er einsam, was er wiederum versucht, mit noch mehr Fernsehaktivität zu kompensieren.
Alle Sendungen, die Informationen kompetent präsentieren wollen, prahlen damit besonders sachlich und objektiv an ein Thema heranzutreten, wie zum Beispiel Nachrichtensendungen. Es wird also versucht jegliche Emotion von einer sachlich-kompetenten Sendung fernzuhalten. Das ist für viele Zuschauer zu trocken bzw. zu langweilig. Mehrere Studien haben ergeben, daß der Rezipient jene Informationen am besten aufnehmen kann, die eine Mischung aus (Pseudo-)Sachlichkeit und Emotionen beinhalten. Primär will der Rezipient zwar auf die Information achten, im Unterbewußtsein prasseln aber jede Menge Emotionen auf ihn ein. Beispiele hierfür wären viele Nachrichtensendungen: Wenn von einem Krieg berichtet wird, kommen die wirklichen Informationen, warum und wo ein Krieg ist, fast ausschließlich vom Sprecher; der Bildschirm zeigt dazu die entsprechenden Bilder mit verletzen oder toten Personen. Zuschauer, die die Nachrichten eher beiläufig anschauen wissen danach zwar, daß irgendwo ein Krieg ist, aber die Informationen, die der Sprecher geliefert hat, wußten sie nicht mehr. Das zeigt, daß emotionale Ereignisse im allgemeinen besser aufgenommen und behalten werden als rein sachliche.
Die Ergebnisse aus der Untersuchung, machen sich auch die vielen Talkshows zu nutze: Sie verkaufen reine Emotionen teilweise unter dem Vorwand sachliche Informationen vermitteln zu wollen. SAT 1 zeigt dies recht deutlich: Vor jedem "Daily Talk" schiebt der Sender einen Trailer mit dem Hinweis "Information" voraus, so wird dem Zuschauer suggeriert, daß er sich informiert, es ihm somit gestattet ist diese Sendung zu schauen. Der Rezipient betrachtet solche Sendungen im vermeintlichen Glauben wichtige Lebenserfahrungen anderer Menschen auf sein Leben direkt übertragen zu können, um jene Fehler, die ein Gast der Sendung vielleicht begangen hat nicht auch zu tun. Am Ende einer Sendung nimmt der Zuschauer an, sich informiert oder gar weitergebildet zu haben, tatsächlich hat er sich nur an den Emotionen anderer Menschen erfreut.
3.3 Emotionalisierung
Wie in 3.2 bereits angedeutet arbeitet die Talkshow mit den Gefühlen der Gäste. Diese sind sozusagen das Kapital eines jeden "Daily Talks". Je tiefer ein Talkmaster in den Gefühlen der Gäste "herumwühlt", desto interessanter wird es für den Zuschauer, da er unmittelbar die einzelnen Reaktionen, wie Leid, Trauer, Glück usw. erlebt. Die heutige Gesellschaft zeigt aber im normalen Leben keine so heftigen Gefühlsausbrüche, es wird versucht jede Stimmungsschwankung zu maskieren; nur guten Freunden erklärt man warum man in welchem Gemütszustand ist, also nur Personen seines Vertrauens.
Während einer Talkshow werden sehr viele, zum Teil intime Offenbarungen gemacht, wodurch der Zuschauer ein Gefühl des "gebraucht-werdens" bekommt, weil er im Unterbewußten ein Verantwortungsgefühl gegenüber dem Gast aufbaut. Sobald man Wissen über einen anderen Menschen besitzt, könnte man es auch gegen ihn verwenden. Der Zuschauer meint deshalb eine gewisse Verantwortung zu haben. Durch diese Verbindung zwischen Talkshow-Gast und Rezipient kann der Zuschauer wieder einen vermeintlichen Zweck in dem Betrachten der Talkshow sehen.
Die Folge davon ist aber, daß die Zuschauer immer mehr vereinsamen, weil sie die Menge an Emotionen (letztendlich Vertrauen und Verantwortungsgefühl) nur durch die Talkshow bekommen. Das reale Leben kommt den Zuschauern so vor, als würde es ihm Mißtrauen, weil ihnen ein "normaler" Mensch nicht soviel Geheimnisse erzählt, wie sie es aus der Talkshow gewohnt sind. Das hat wiederum zur Folge, daß sich der Zuschauer möglicherweise nur noch innerhalb der "Talkshow-Gemeinde" zu hause fühlen kann, und sich deshalb immer mehr aus dem normalen Leben heraus halten kann und sich zurückzieht. Dies ist allerdings nur bei Extremfällen festzustellen. Jene Personen werden von ihrer Umwelt häufig nicht respektiert, sie suchen deshalb in der Talkshow wieder Anschluß an die Gesellschaft.
Generell kann man feststellen, daß sich Menschen, die viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, also auch mehr Talkshows anschauen, sich öfters von der Gesellschaft distanzieren, als Menschen die entweder nur ausgewählte Sendungen betrachten oder erst gar kein Fernsehgerät haben.
3.4 Weitere Gründe
Für den Erfolg der Nachmittags-Talkshows gibt es noch weitere Gründe. Einer davon ist bereits vor gut 2000 Jahren von dem dichter Lukrez aufgeschrieben worden: "Süß ist's, anderer Not bei tobendem Kampfe der Winde / Auf hochwogigem Meer vom fernen Ufer zu schauen." Lukrez hat in diesem Gedichtsauszug bereits den wichtigsten Grund für das Gelingen des Genres der Talkshow aufgeschrieben. Die Zuschauer freuen sich, daß es noch Jemanden gibt, dem es schlechter geht, als ihm selbst. Dies erfüllt den Zuschauer mit dem Gefühl des "zufrieden seins", weil er weiß, daß es ihm genauso gehen könnte wie der erzählenden Person. Es entsteht also eine Identifikation mit dem Gast. Der Rezipient läßt sich von dem realen Leben ablenken, indem er in die fiktive Welt des Talkshowgastes einsteigt, dabei muß es, oder soll es ihm nicht einmal bewußt sein, daß er sich an einer Scheinwelt vergnügt.
Der Zuschauer erhält mit dem Medium Fernsehen die Möglichkeit die Alltagsprobleme zu vergessen. Dies geschieht durch Spielfilme, Komödien und besonders durch Nachmittags-Talkshows, weil bei diesem Genre die Emotionen besonders hervorgehoben werden. Dazu kommen Themen, von denen der Rezipient zwar angesprochen wird, aber selten selbst davon betroffen ist, doch prinzipiell davon betroffen sein könnte. Dadurch wird eine besondere Nähe zwischen den Talkshowgästen und dem Zuschauer hergestellt. Gerade auch weil Personen auftreten, die alles selbst miterlebt haben und nicht irgendein Reporter, der die Story auch nur über Dritte erfahren hat. Der Zuschauer ist in das Geschehen involviert, durch unmittelbare Nähe zu den Agierenden. Das ist auch der Unterschied zwischen der Unterhaltung, die zum Beispiel ein Spielfilm bietet. Der Zuschauer eines Spielfilmes weiß im allgemeinen, daß er einen gespielten Film anschaut, bei einer Talkshow dagegen verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.
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