|
Der Ansatz TOLMANs ist folgendermaßen gekennzeichnet:
- Forschungsgegenstand der Psychologie ist nicht das Verhalten des des behavioristischen Response-Begriffs, der auch "molekulare" Phänomene wie Muskelkontraktionen, Drüsensekretionen usw. einschließt, sondern das "molare" Verhalten bzw. "action" - eine größere Verhaltenseinheit also, der ein Sinn ("action meaning") zugeordnet werden kann (z. B. einen Jacke anziehen, essen,...).
- TOLMAN bezieht sogenannte intervenierende Variablen ein (im Gegensatz zu behavioristischen S-R Modell).
Nach TOLMAN ist molares Verhalten zielgerichtet (purposive) und damit abhängig von kognitiven Prozessen. Der Zielrichtung des Verhaltens liegt ein Bewertungsprozess zugrunde, nach dem ein bestimmtes Ziel zu erstreben oder zu vermeiden ist. In dieser Vorstellung liegt ein grundsätzlicher Widerspruch zum S-R-Modell, da nach diesem ein Zukünftiges (Ziel) nicht Gegenwärtiges determinieren kann, sondern ein Verhalten nur von einem vorausgegangenen Ereignis her zu erklären ist. Gerichtetheit des Verhaltens besagt jedoch, dass künftige Ereignisse in einem kognitiven Vorgang antizipiert und bewertet werden und Handlungsabläufe sich danach auf das Ziel hin ausrichten. Als weitere für die Steuerung des Handlungsablaufs wesentliche Prozesse werden von TOLMAN Erwartungen/Überzeugungen angeführt. Sie beziehen sich auf Mittel bzw. Zwischenschritte zur Erreichung eines Ziels. Diese Überzeugungen sind nach TOLMAN Ergebnisse von Lernprozessen. Derartige Lernprozesse führen letztendlich zum Aufbau "kognitiver Landkarten", die die Überzeugungen bezüglich der Verbindung von Mitteln, Wegen und Zielen wiedergeben. Zusammen mit den Bewertungen bilden die Überzeugungen die "Überzeugungs-Wert-Matrix", die das Kernstück des TOLMANschen Verhaltensmodells darstellt.
Intervenierende Variablen (IV) stehen in TOLMANs Modell zwischen den der direkten Beobachtung zugänglichen Abhängigen (UV) und Abhängigen Variablen (AV). AV sind die molaren Verhaltensweisen bzw. deren Merkmale (Reizsituation, Triebzustand, Alter, Geschlecht, usw.). Somit bestimmen nicht die objektiv erfassbaren UV das Verhalten, sondern die Intervenierenden Variablen. Die Funktion der Überzeugungs-Wert-Matrix veranschaulicht TOLMAN am Beispiel einer Person, deren Ziel es ist, Hunger zu stillen:
Wenn Person X die Stillung des Hungers positiv bewertet (Wertkomponente der Ü-W-Matrix), wird sie bestimmte Speisen (Mittel zur Erreichung des Ziels) in eine bestimmte Rangordnung bringen, und zwar aufgrund ihrer Überzeugungs-Erwartungen) hinsichtlich ihrer jeweiligen Eigenschaften bezüglich der Stillung des Hungers.
Auf der Basis früherer Erfahrungen trägt das Individuum an jede neue Reizsituation eine modale Überzeugungs-Wert-Matrix heran. Diese Matrix aktiviert und spezifiziert das Resultat im kritischen Augenblick. Diese aktivierende Matrix führt zusammen mit den Umgebungsreizen zu einem spezifischen Verhaltensraum.
UV
Reizsituation
Triebzustand
usw.
Bedürfnis-
system IV
Ü-W-
Matrix
Verhaltens-
raum AV
Molares
Verhalten
Durch das Konzept der Überzeugungs-Wert-Matrix ist TOLMAN als Erwartungs-Wert-Theoretiker charakterisiert. Dieser Begriff sowie die Auffassung, dass Bewertungsvorgänge von einem Bedürfnissytem aus getroffen werden, sind Anknüpfungspunkte für die Weiterentwicklung der kognitiven Theorie durch ATKINSON. Während die behavioristische Psychologie Lernen als Verhaltensveränderung definiert, versucht TOLMAN Lernen als Aufbau von "cognitive maps", die die subjektiv wahrgenommenen Mittel und Ziele zur Erreichung eines Ziels enthalten. Analog zu Landkarten geben "cognitive maps" das Wissen über Verhaltensmöglichkeiten in einer gegebenen Situation wieder. Lernen ist als Erweiterung dieses Wissens anzusehen. Ob sich das Verhalten in beobachtbarer Weise ändert, hängt nach TOLMAN von einem Bedürfnis ab, eine bestimmte alternative Verhaltensmöglichkeit in die Tat umzusetzen.
|