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Abraham Maslow, 1908-1970, geboren in NY als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. Studierte zunächst Jura, brach aber das auf Wunsch seines Vaters angefangene Studium ab, anschließend Psychologie. Zunächst war er von Watson angetan, nachher schlug es dann eher ins Gegenteil um. Seine Promotion über das Sexualverhalten von Affen wurde von Harry Harlow betreut. Tätigkeit and der Columbia University, wo er Fromm, Wertheimer und Adler kennenlernte. Hauptwerk: "Towards a psychology of being" (1962), "Motivation and personality" (1954). Er wollte eine dritte Kraft in der Psychologie schaffen, die als Gegengewicht zu den beiden Schulmeinungen Psychoanalyse und Behaviorismus wirken sollte.
Kernstück von Maslows Persönlichkeitstheorie ist seine Motivationstheorie, die er "holistisch-dynamische Theorie nennt, da in ihr Ansätze des amerikanischen Funktionalismus, der Gestaltpsychologie und der Psychoanalyse zu einer Synthese zusammengefaßt sind. Es werden 5 hierarchisch organisierte Kategorien von Grundbedürfnissen erfaßt, wobei dei höherstufigen Bedürfnisse sich erst entwickeln und zum Tragen kommen können, wenn die darunterliegenden unteren befriedigt sind, somit ist die Befriedigung der Bedürfnisse der unteren Stufen dringender. Die instinktiode (instinkresthafte) Natur der Bedürfnisse nimmt von unten nach oben ab, gleichwohl geht Maslow davon aus, daß alle Bedürfnisse angeboren sind. Dabei sind einige dieser angeborenen Bedürfnisse universell, andere individuell verschieden. Diese Bedürfnisse sind eher gut als neutral oder böse, und Maslow geht davon aus, daß es bei "praktisch jedm Menschen und bei fast jedem neugeborenen Baby einen aktiven Willen zur Gesundheit gibt, einen Antrieb zum Wachstum und zur Verwirklichung der menschlichen Anlagen.
Die fünf Ebenen der Bedürfnishierarchie sind:
7.5.1 Ebene 1: Grundbedürfnisse / Mangelbedürfnisse
1) physiologische Bedürfnisse: alles, was für die Daseinserhaltung des menschlichen Organismus sorgt, Essen, Atmen, Schlafen, Wärme, Sex. Diese Bedürfnisse sind zwar kulturspezifisch überformt, tritt jedoch ein Mangel ein, pflegt diese Überformung zu verschwinden (Hungrige fressen, statt zu dinieren). Sind diese Bedürfnisse befriedigt, so treten sofort die nächsthöheren auf den Plan:
2) Sicherheitsbedürfnisse: Bedürfnis nach Stabilität, Geborgenheit, Schutz, Angstfreiheit, Struktur, Gesetz, Grenzen etc. Bei Erwachsenen wird dies u.a. durch Routine geboten, bei Kindern durch Erwachsene, will man die Bedürfnisse direkt beobachten, sollte man nach Maslow ökonomisch oder sonstwie Unterpriveligierte beobachten oder sich in Situationen des gesellschaftlichen Zusammenbruchs begeben.
Ebene 2: Metabedürfnisse / Wachstumsbedürfnisse
3) Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Liebe: Kontakt zu Freunden, Bekannten, Partner, Kindern. Fehlende Befriedigung äußert sich in Gefühlen wie Einsamkeit, Zurückweisung,Entwurzelung - was in der spätkapitalistischen verindividualisierten Gesellsachft der Postmoderne allzuoft anzutreffen ist, wie Maslow beklagt.
4) Bedürfnis nach Achtung: einerseits nach Stärke, Leistung, Bewältigung und Kompetenz, Unabhängigkeit, Vertrauen in die Welt, Freiheit, andererseits den Wunsch nach einem guten Ruf. D.h. einerseits kompetent sein, anderseits aber auch für kompetent gehalten werden. Befriedigung gibt Selbstvertrauen, Nichtbefriedigung Minderwertigkeit, Schwäche und Hilflosigkeit (-> Depression)
5) Bedürfnis nach Selbstverwirklichung: d.h. das zu aktualisieren, was man als Tendenz besitzt, was in unserer Kultur erst bei mittelalten Leuten möglich ist, da junge Menschen "noch keine Identität und Autonomie erreicht haben und auch keine Zeit gehabt haben, eine dauernde, loyale, nachromantische Beziehung zu erfahren. Schließlich haben sie auch noch nicht den Altar ihrer Berufung gefunden, auf dem sie sich opfern." (schluck)
Um den etwas vagen Begriff der Selbstverwirklichung etwas zu präzisieren, stellte Maslow 60 Personen zusammen, von denen er meinte, daß diese dieses Ziel erreicht hätten, wobei es sich zum größten Teil um historische Persönlichkeiten handelte. Da diese schwerlich zu Testzwecken herangezogen werden konnten, sondern lediglich Fremd- und Selbstzeugnisse vorlagen, für Maslows Zeitgenossen aber Gelegenheitsgespräche, Interviews und vereinzelt auch Tests benutzt wurden, war eine einheitliche Auswertung nicht zu leisten. Maslow erstellte darum eine "holistische Analyse" (Differenzierung verschiedenen Aspekte unter Berücksichtigung der Ganzheit der Person) und kam zu folgenden 15 Eigenschaften:
1) realitätsangemessene Wahrnehmung, welche zu besserem und überlegterem Agieren in der Welt führt.
2) Akzeptierung des Lebens so wie es ist, d.h. des Selbst, der anderen und der Natur. Was nicht geht, darüber kann mensch auch nicht unglücklich sein. Es ist halt so. Dazu gehört auch komplexlose Bedürfnisbefriedigung.
3) Spontanität, Einfachheit, Natürlichkeit: Mensch gibt sich keine Mühe, anders zu wirken, als er/sie ist - wozu auch? Gesellschaftliche Umgangsformen sind da z.T. eher lästig, doch ist mensch nicht so arrogant, sie abschaffen zu wollen.
4) problemzentriert (statt ichzentriert) - widmen sich auch Aufgaben um der Aufgaben und nicht um der Konsequenzen für einen selber willen und haben einen sehr weiten Horizont bis hin zu allgemeinphilosophischen Betrachtungen.
5) Objektivität und das Bedürfnis nach Privatheit: distanzierter und reservierter als andere Personen - allerdings nicht aufgesetzt, sondern ein "erstmal sehen" als Charakter. Da sie mehr in sich ruhen als andere, können sie besser alleine sein.
6) Umweltgestaltend: Autonomie von Kultur und Umwelt: sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und Umwelt und Umfeld verändern, bevor es umgekehrt passiert.
7) Unverbrauchte Wertschätzung: Was toll ist, ist uneingeschränkt und immer toll, der 1001. Sonnenuntergang am Meer wie der erste. Sonnenuntergang kann hier ersetzt werden durch "Kinder" oder "Männer/Frauen".
8) Mystische oder Grenzerfahrungen: Fähigkeit zu Peak-Experiences (z.B. Organsmus oder andere Kurzschlüsse im Hirn, nett auch bei gutem Dope oder LSD) oder Oceanic fee¬lings (mit der Welt verschmelzen, vgl. autogenes Training, (bekifft) Session spielen). Diese Kategorie ist kein Muß. Während grenzerfahrende Selbstverwirklicher den Künsten zugetan sind, sind nichtgrenzerfahrene solche praktische, effektive und diesseitige Menschen.
9) Gemeinschaftsgefühl (Begriff von A. Adler, 1920): ich bin Teil der Menschheit, was man anderen Menschen antut, tut mir auch weh - damals gab´s noch keine live-Übertragung von Kriegsgreueln an den Frühstückstisch. Ob diese Punkt heute zu halten wäre?
10) Tiefere und wertvollere interpersonelle Beziehungen: mehr Vereinigung, größere Liebe, mehr Beseitigung der Ich-Grenze, aber auch größere Wählerischkeit bei den Freunden
11) Unvoreingenommenheit: Freihiet von Vorurteilen, grundsätzlich wird erstmal jeder akzeptiert, selber weist mensch sich eher in einer bescheidenen Rolle (demokratische Charakterstruktur)
12) Ethische Veranlagung, Unterscheidung von Mittel und Zweck: Selbstverwirklicher haben eine starke ausgeformte Ethik, so daß sie kaum in Konflikte kommen können. Sie können zwischen Mittel und Zweck unterscheiden, was ihnen ermöglicht, dieses auch gezielt zusammenfallen zu lassen (Handlung um ihrer selbst willen, sofern sie das hergibt).
13) Sinn für philosophischen Humor: Sich nicht über andere lustig machen, sondern über die absurde Situation des Lebens auf einem Steinklumpen im Vakuum.
14) Kreativität...im alltäglichen Handeln.
15) Unkonformität. Liberalismus, Leben und Leben lassen. Die Majorität darf den einzelnen nicht weiter beschränken, als es für sie notwendig ist. (Deswegen ist Kiffen ethisch erlaubt.) Aber nicht so arrogant, wie die Terrorgruppen, die versuchen, eine Revolution herbeizubomben, obwohl sie keiner haben will; eher evolutinäre als revolutionäre Einstellung, da hier Punkt 1 - Realismus - zum Tragen kommt. Punkt 15) ist - wie einige andere - völlig westlich zentriert.
Im H&L ist 16) "Selbstverwirklicher transzendieren die Umwelt, statt nur mit ihr fertig zu werden" angegeben - wer damit etwas anfangen kann...
Auch Selbstverwirklicher können andere beleidigen, kränken, Fehler machen - es gibt keine perfekten Menschen. Goldene Worte von Maslow: "Um Desillusionen mit der menschlichen Natur zu vermeiden, müssen wie zuert unsere Illusionen über sie aufgeben." Menschen auf den Stufen 3-5 werden von Wachstumsmotivation (Heterostase=Sollwertveränderung) und nicht von Mangelmotivation (Homöostase=Sollwertkonstanz) angetrieben, welche für die Stufen 1 und 2 als treibende Kraft angesehen werden kann. Somit sind äußere Gegenheiten, die die Bedürfnisse des Menschen auf den Stufen 1-4 befriedigen, zwar eine notwendige, nicht aber hinreichende Bedingung für die Selbstverwirklichung. Hinreichende Bedingung ist eine zusätzliche inhärente Wachstumsmotivation, die bei allen Menschen angenommen wird. Eine permissive Befriedigung der Grundbedürfnisse ist somit nach Maslow eine wesentliche Voraussetzung für menschliches Wachstum. Die Konsequenzen einer solchen permissiven Befriedigung hat Maslow in 61 Punkten zusammengefaßt, von denen einige typische Charakterzüge darstellen. Diese umfassen u.a. Ruhe, Großzügigkeit, Ehrlichkeit, stärkeren Willen etc., werden von Maslow auch als konstituierend für den "guten Menschen" bezeichnet und beschreiben im übrigen recht gut den Zielkatalog einer humanistischen Charakterologie.
7.5.2 Empirische Anbindung:
Die oben beschriebenen Züge von Selbstverwirklichern sind leider an keiner Stelle operationalisiert. Ein Versuch von Shortstrom, diesem Manko mit einem Fragebogen abzuhelfen (POI = Personal Orientation Inventory, 150 Fragen mit jeweils 2 Antwortalternativen, z.B. "Ich tue was andere von mir erwarten" vs. "Ich fühle mich frei, das nicht zu tun") erfolgte 1965. Die Auswertung erfolgt zweistufig, zunächst werden 2 Skalen (Autonomie und effektive Zeitnutzung) gebildet, in einem weiteren Durchgang 10 Subskalen (z.B. Spontanität, Selbstaktualisierung), welche sehr hoch korrellieren. Dies muß nicht gegen den Fragebogen sprechen, so hängen die postulierten Eigenschaften der Selbstverwirklicher ja auch in einem Netz zusammen (s.o.). Für den Fragebogen spricht, daß Neurotiker niedrigere Werte erreichen und daß er einigermaßen mit unabhängigen Urteilen zur Selbstverwirklichung korreliert. Somit kann er als Kontrollinstrument bei Interventionen benutzt werden.
Bezüglich der Bedürfnishierarchie wurde (Graham & Balloun 1973) herausgefunden, daß Personen dazu tendieren, nicht befriedigte Bedürfnisse als subjektiv wichtiger einzustufen. Aktuelle Befriedigung eines Bedürfnisses und gewünschte Bedürfnisbefriedigung korrelieren negativ - d.h. je gesättigter ein Bedürfnis, desto geringer der Wunsch nach einer Verbesserung der Situation. In offenen Interviews wurden danach die Vpn gefragt, was in ihrem Leben am wichtigsten sei: hier erhielten höherstufige Bedürfnisse höhere Scores als niedrige, für diese ergab sich auch ein geringeres Befriedigungsniveau. Somit ist sowohl die These von der Notwendigkeit der Erfüllung niederer Bedürfnisse, bevor höhere zum Tragen kommen, erfüllt, als auch die hierarchische Anordnung der Inhalte der Bedürfnisklassen gestützt. Die zur weiteren Festigung der Theorie notwendigen Längsschnittuntersuchungen sind allerdings bis heute nicht erfolgt.
Inglehart untersuchte ließ in allen Staaten der EG (1970-1980) 12 Bedürfnisse nach ihrer subjektiven Bedeutung in eine Rangordnung bringen. Dies waren Versorgungsbedürfnisse (Wunsch nach wirtschaftlicher Stabilität), Sicherheitsbedürfnisse (Landesverteidigung, Verbrechensbekämpfung), Sozialstatus und Solidarität (freundlichere Gesellschaft, mehr Rechte für Bürger), Selbstverwirklichung (Verschönerung der Umwelt, Ideen statt Geld, freie Meinungsäußerung). Inglehart konnte nachweisen, daß es in allen untersuchten Staaten einen Personentypen gibt, der an Versorgungs- und Sicherheitsbedürfnissen (materielle Bedürfnisse) orientiert ist (40% der untersuchten Personen). Andere Personentypen sind eher an den weiteren postmateriellen Bedürfnissen (10%) orientiert, der Rest bestand aus Mischtypen. Maslow scheint es hier so zu gehen wie Piaget, der die Universalität seiner höheren Entwicklungsstufen auch aus seinem Programm streichen mußte. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch, daß die Orientierung an postmateriellen Bedürfnissen in der Nachkriegszeit stark zugenommen hat.
7.5.3 Bewertung:
Maslow vertritt eine positive Psychologie, die im Menschen angelegten gesunden Kräfte führen zur vollen Entfaltung der nur dem Menschen eigenen Entwicklungspotenz. In diesem Bekenntnis spiegelt sich die Orientierung am Organismischen Modell, die optimistische Sicht vom guten Menschen und seinen Entwicklungsmöglichkeiten.
Positiv:
- Maslow war einer der ersten und lautesten Fürsprecher für eine Psychologie, die vom gesunden Menschen ausgeht. Er Beschäftigte sich mit wichtigen Elementen des Erlebens, die von den traditionellen Ansätzen vernachlässigt wurden: Liebe, Freude, Glück, Ekstase. Dies wird von anderen aber als Kritikpunkt aufgefaßt, die Maslow vorwerfen, er sei genauso einseitig wie die Psychoanalyse, eben nur in der anderen Richtung.
Negativ:
- Die Unterscheidung zwischen Mangel- und Wachstumsbedürfnissen steht auf tönernen Füßen. Verhalten kann auch so interpretiert werden, daß der Mensch etwas erreichen will, was ihm fehlt, z.B. die Individualität in einer Massengesellschaft. Jacoby macht Jacobson diesbezüglich den Vorwurf, daß er die gesellschaftlichen Bedingungen nicht analysiert, die das Motiv zu einer Verteidigung (ursprünglich bestehender) humaner Lebensziele erst aufkommen läßt. Dies wäre aber in einer Erweiterung Maslow Theorie machbar, ohne daß an den bestehenden Teilen etwas gemacht werden müßte. Jacobys weitere Vorwürfe, daß Maslows Theorie konformistisch sei, weil sie nicht aufzeige, inwieweit der real existierende Kapitalismus Selbstverwirklichung verhindere, ist nur vor dem Hintergrund dessen marxistisch-dialektischer Position verständlich, aber trotzdem nicht zu entschuldigen. Das ist kein ernstzunehmendes Gegenargument.
- Maslow selber bleibt empirische Belege seiner Theorie weitgehend schuldig. Häufig erschöpft er sich in einer Aneinanderreihung von Wörtern, die beim Leser Assozitionen an ein Leben, daß mensch sich sowieso schon immer gewünscht hat, hervorrufen (nette Formulierung von Schneewind, woraus sich schließen läßt, daß dieser wahrscheinlich mit seinem Leben nicht ganz so zufrieden ist, und das, obwohl er Tennis spielt). Diese Kritik betrifft besonders den zentralen Begriff der Theorie: die Selbstverwirklichung. Diese als angeboren nachzuweisen, dürfte so gut wie unmöglich sein, da das Verhaltens- und Erlebniskorrelat viel zu vielfältig ist.
- Selbstverständlich ist auch die Methode, mit der Maslow zum Konstrukt der Selbstverwirklichung kam - die holistische Analyse - in methodischer Hinsicht sehr problematisch und nur knapp einem "Ich schreib´ auf, was mir gerade einfällt" überlegen. Maslows private, vorwissenschaftliche Ansichten sind hier relativ ungehindert eingeflossen.
- Fehlende Operationalisierung dessen, was unter Bedürfnisbefriedigung zu verstehen ist. Diesbezüglich wird auch eine exzessive Bedürfnisbefriedigung, die ja bekanntlich zu psychischen Schwierigkeiten führt. Adler wetterte gegen die Überbehütung, bei Freud führt dies zur Fixierung, Maslow verliert kein Wort drüber.
- da Maslow nicht angibt, was genau passieren muß, damit Bedürfnisse befriedigt werden können, ist auch die Praxisrelevanz (z.B. therapeutischen Bereich) nicht gegeben. Die Theorie steht - wie die anderen in diesem Kapitel vor allem als programmatische Feststellung dessen, was den Menschen ausmacht, da.
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